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Mittwoch, 12. Dezember 2018

Das stille Tal

Smaragdgrünes Wasser, naturbelassene Wälder, Berge und hin und wieder ein schlichtes Dorf. Das Resiatal im italienischen Friaul ist ein ruhiger Ort. Eine Gegend zum Gehen, zum Sitzen, zum Luftschlösser bauen… und ein Eckchen Welt, das es zu entdecken lohnt. Ein Insider-Tipp!

Das stille Tal - Weintrauben

In der Bar am Eingang von Stolvizza sitzt eine Dame und spricht uns an. Sie komme, so erzählt sie, ursprünglich aus Bayern, habe am Starnberger See gelebt, seit vier Jahren lebe sie nun hier. Und, und mit diesem Und hebt sie die Stimme: „Ich will nie mehr wieder weg." Sie sitzt neben anderen Frauen und Männern aus dem Ort, die nachmittags hier ihren aperitivo trinken, etwas Tratsch und Klatsch austauschen oder einfach nur in ihr Tal schauen, das großzügiger ist als erwartet und üppig grün. An zwei anderen Tischen stillen Mountainbiker ihren Durst. Rent a Bike ist auf einem Transparent zu lesen. Der Wirt bietet neben ehrlichem Wein und gutem Essen auch Fahrräder an. Wer in seiner Bar sitzt, trifft auf die Gegenwart, die sanfter Tourismus heißt und auf die Vergangenheit zugleich. Denn gegenüber dem Gastgarten, auf der anderen Seite der Straße, steht ein Denkmal, das den arottini, den Scherenschleifern, gewidmet ist. Jenen Männern also, die schwer bepackt durch Italien und die Länder der österreichisch-ungarischen Monarchie marschierten, um ihre Schleifdienste anzubieten. Nur zu hohen Festen oder zur Erntezeit kehrten sie heim. (Ihrem Leben und ihrer Arbeit ist heute übrigens ein Museum in Stolvizza gewidmet.)

Das stille Tal - altes SteinhausDas stille Tal - Weintrauben

Wer in die Welt zieht, bringt bekanntlich Erfahrungen mit unter anderem auch jene, dass man sich vor "fremden" Menschen nicht fürchten muss. Ob die herzliche Freundlichkeit der Resianer aus der Scherenschleifer-Zeit stammt, oder ältere Wurzeln hat, ist heute unwichtig geworden. Zu finden ist sie im gesamten Tal. Viele Gärten stehen offen, viele Türen auch. Neugierige Fragen werden beantwortet, als gehöre es zum Tag. Hat jemand seinen Weg verloren, wird er wieder zurückgebracht. Schon in den frühen Berichten ist die ausgesuchte Höflichkeit der Männer beschrieben, die Bescheidenheit der Menschen und natürlich die Armut auch.

Das stille Tal - alte Kachel

„Nichts als Armut, das Volk hilft sich so gut es kann", heißt es in einem Aufsatz, 1848 vom Gelehrten Joseph Bergmann verfasst. „Die Leute gehen zu Fuß und die Äcker sind so klein und schlecht, dass man sie durchaus nur mit der Hand bearbeiten kann." Dass sich die Resianer ihr Stück Land von der Natur abtrotzten mussten, sieht man dem Tal noch immer an. Es gibt keine großzügigen Felder und Wiesen, in den Gemüsegärten wachsen die Bohnen zwischen Steinen. Dennoch wachsen sie üppig und tragen gut. Besonders aber dem Knoblauch behagen Boden und Klima. L’aglio di Resia ist eine Spezialität. Um deren Erhalt bemüht sich seit einiger Zeit ein Slow-Food-Presidio, ein Netzwerk bestehend aus Landwirten, Händlern, Köchen und Verbrauchern. Mittlerweile wird der strok, wie er von den Resianern genannt wird, weit über die Talgrenzen hinweg geschätzt.

Das stille Tal - DahlienDas stille Tal - Kirche im Resiatal

Das stille Tal - Gasse in FriaulDas stille Tal - Farn in Mauer

Im Resiatal gibt es keine herrschaftlichen Häuser, keine dem Verfall überlassenen Villen und Palazzi. Nicht so wie in Moggio Udinese zum Beispiel, draußen im Kanaltal, wo sich die Fella ihr breites Flussbett gegraben hat und auf der Autobahn der Urlauberverkehr Richtung Süden donnert und wieder zurück. Wenn man, vom Norden kommend, knapp vor Moggio Udinese dem Hinweisschild Resia folgt, dann donnert nichts mehr. Das Tal entschleunigt allein durch seine Topographie. In Kurven und engen Kehren windet sich die Straße bis zum letzten Weiler und es wäre Verschwendung, nicht da und dort anzuhalten, ein paar Schritte zur Resia zu gehen und ins smaragdgrüne Wasser zu schauen.

Das stille Tal - Resia Bach

„Chiuso", sagt der Mann, der einen großen Karton mit Lebensmittel aus seinem Auto lädt, und meint damit, dass es in ein paar Kilometern mit dem Auto nicht mehr weiter geht. Das Massiv des Monte Canin versperrt den Weg, obwohl es sich aus dieser Perspektive von seiner freundlicheren Seite präsentiert. Nicht schroff und wild und unzugänglich, sanfter, grasiger und dennoch hoch. Jetzt stehen wir wirklich im Herzen des Naturparks Julische Voralpen, der im Sommer zum Wandern, Bergsteigen, Radfahren und Biken einlädt und im Winter von Schneeschuhwanderern und Skitourengehern erkundet wird. Überlaufen ist diese Gegend dennoch nicht. Wer das Resiatal besucht, genießt den Luxus dem Nichts zuzuhören.

Das stille Tal - Auto DetailDas stille Tal - altes Steinhaus

Nur auf der Ta Lipa Pot, der schönen Straße, die in Pfaden rund um Stolvizza führt, treffen Wanderer und Stauner auf Gleichgesinnte. Bequem in zweieinhalb Stunden bewältigbar, präsentiert sich die Schönheit des Tales auf ihr konzentriert: Der Wasserfall des Wildbaches Po Tok, das kleine Hochplateau von Acchia, die Quelle der Ortschaft Loh, der Wald schließt und öffnet sich, Panoramabrücken führen über den Fluss und immer tratscht irgendwo ein Bergfink mit seinem Freund. Auf der schönen Straße offenbart sich, wie die Menschen im Resiatal gelebt haben und wie sie es immer noch tun: Mit dem Jahreslauf, mit allem was wächst, blüht und wieder vergeht. Ta Lipa Pot ist übrigens eine Bezeichnung aus dem Resianischen. Noch eine Besonderheit des Tales. Die knapp über 1.000 Einwohner sprechen einen altslawischen Dialekt und sind Nachkommen slawischer Stämme, die bereits im 8. Jahrhundert das Tal besiedelt haben. In der Abgeschiedenheit haben sie ihre Sprache und ihre Traditionen bewahrt. Den Püst zum Beispiel, den resianischen Fasching, die Trasumanza, den Almabtrieb und das Erntedankfest. An diesen Tagen präsentieren sich die Bewohner in ihren historischen Trachten und singen Lieder, die so alt sind, dass niemand mehr weiß, wer sie geschrieben hat.


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